Buddy_bunt_klein

Buddy Müller – #folge7

#eineechteüberraschung

Das Christkind kommt so sicher wie der Pitch zum Heiligen Abend. Manchmal ist das ein Geschenk. Manchmal auch nicht.

Wilde weiße Flocken schossen am Fenster vorbei. Der ICE fraß sich unbeirrt durch den vom Schnee erhellten frühen Abend. Nur wenige Stunden trennten uns vom zugigen Münchner Hauptbahnhof, den beherzte Ladenbesitzer mit Nadelhölzern und Lichterketten in einen weihnachtlichen, zugigen Münchner Hauptbahnhof verwandelt hatten.

Es war der 23.12., und wir waren müde.

Wir: Qwertz, mein Lieblings-Teamlead. Brad MacCloud, mein sprechendes MacBook Air. Und ich, Buddy Müller, Senior Project Supervisor in der weltweit führenden Content Marketing Agentur Deutschlands.

„Er will doch überrascht werden“, brach Qwertz das Schweigen.

„Er bettelt doch förmlich darum“, sagte Brad (wie immer konnte nur ich ihn hören).

Ich nickte, der seltenen Einigkeit zustimmend. Unsere Mäntel waren nass vom Schnee, in der Luft lag die lähmende Stickigkeit eines Erste-Klasse-Abteils.

„Okay“, sagte ich und tippte eine Nummer ins Handy. „Tun wir´s.“

Es war der 23.12.

Wir waren müde.

Aber entschlossen.

Hidden Chances

Dabei hatte es gut angefangen, vor drei Tagen, als das Telefon geklingelt hatte. Ich kannte den Anrufer aus meinen Jahren in verschiedenen Redaktionen; jetzt war er die Leiter nach oben geklettert, vom PR-Referenten zum Global Chief Officer of Content Strategy and Operations, eine respekteinflößende Karriere.

Auf den ersten Blick.

So schlecht ist Senior Project Supervisor schließlich auch nicht. Und wahrscheinlich bin ich ungleich glücklicher. Denn ich liebe es der Jäger zu sein. Ich liebe die Herausforderungen von Pitches.

Einen Pitch rief auch der mir bekannte GCOCSO aus, er, der nun inhaltsgetrieben die Marketinggeschicke eines wahren Hidden Champion steuerte – des weltmarktführenden Herstellers von biologisch abbaubaren Weichgummikleinteilen (nicht essbar). Es ginge um ein großes Projekt, sagte er am Telefon, noch ganz geheim, und er würde uns gerne in den Bieterkreis aufnehmen, unsere Website sei ja so digital (Was sonst?) und geradezu genial (Hört! Hört!). Mehr könne er uns nur persönlich sagen, wir müssten schon zum Briefinggespräch kommen, noch vor den Festtagen, aber das würden wir uns sicher nicht entgehen lassen. Schließlich gehe es um einen Etat des weltmarktführenden Herstellers von biologisch abbaubaren Weichgummikleinteilen (nicht essbar).

„Da erwischt er mich bei meiner betriebswirtschaftlichen Vernunft“, murmelte ich.

„Das nennt man Gier“, konkretisierte Brad MacCloud.

„Schnauze, Brad“, würgte ich ihn ab, während ich zuerst Qwertz den Auftrag schickte, eine anderthalbstündige Agenturpräsentation vorzubereiten (von wegen, er sei ausgelastet) und dann bei unserer Assistenz Dr. No unsere Zugtickets orderte. Ihren Versuch eines Nein ließ ich in einer Ladung Eierlikör-Lebkuchen untergehen.

Empfang auf dem Feldherrenhügel

Und so kam es, dass wir nach wenigen Stunden frühmorgendlicher Zugfahrt durch den Schnee stapften, Qwertz, Brad und ich, hinauf zur Industriellenvilla aus den Gründertagen des des weltmarktführenden Herstellers von biologisch abbaubaren Weichgummikleinteilen. . Die Villa erhob sich wie auf einem Feldherrenhügel am Rande des weitläufigen Produktionsgeländes. Hell erleuchtete Sprossenfenster ließen den Glanz erahnen, der aus der Kaiserzeit noch herüberstrahlen wollte.

Uns empfingen 100 Kilogramm Selbstbewusstsein.

„Hohoho“, rief der GCOCSO schon von Weitem. Seine massige Gestalt am Kopfende der Granittreppe flankierten vier blasse, junge Kollegen, die ihn umschwirrten, Cherubim gleich, Karriere mit dem Paradies verwechselnd.

„Buddy Müller! So eine Überraschung! Lange nicht gesehen. Nicht, dass ich Sie gesucht hätte, aber dann finde ich Sie auf der Site dieser Agentur … Ich dachte schon, Sie wären tot.“„Das wünschen sich einige“, sagte Qwertz.

„Schnauze, Qwertz“, zischte ich.

Und zum GCOCSO gewandt, als wir uns gegenüberstanden: „Ja, lange ist es her. Von Ihnen ist doppelt so viel da wie früher.“

„Hohoho“, schüttelte sich der GCOCSO vor Lachen, „und so, wie Sie aussehen, gibt es in der Agentur nicht viel zu essen.“

Der GCOCSO übersah Qwertz´ zum förmlichen Gruß ausgestreckte Hand und winkte uns herein. „Jetzt kommt erstmal rein. Wir haben Kekse hier, auch frische Früchte, Vitamin C kann man ja bei der Saukälte nicht genug bekommen.“

Kekse statt Briefing

Die Gründervilla auf dem Feldherrenhügel hatte natürlich auch ein Gründerzimmer. Strenge Gründermienen n bröckeligem Öl starrten auf uns herab, während wir unsere Plätze an einer langen Ebenholztafel suchten. Und Steckdosen. Und einen Beamer.

„Den PC brauchen wir nicht“, winkte der GCOCSO ab.

„Ich bin ein Mac“, protestierte Brad in der Tasche.

„Lasst den Quatsch mit der Agenturvorstellung“, fuhr der GCOCSO fort. „Ihr erzählt doch eh immer das gleiche.“

Mittlerweile hatte er sich am Kopfende inthronisiert, während er den einen Früchteteller über die Tafel schlittern ließ. Vom zweiten Teller stopfte er sich eine Handvoll Kekse in den Mund.

„Meimmittagfeffen“, erklärte er stolz und die Cherubim schwirrten herbei, um weitere Backwaren nachzulegen.

So kannte ich ihn, das war wie früher in den Redaktionskonferenzen: das geräuschvolle Zermahlen des unschuldigen Backwerks verschaffte ihm Respekt, Zeit – und Aufmerksamkeit.

„In diesem Jahr wurden wir 150 Jahre alt“, sagte der GCOSCO schließlich. „Wir, der weltmarktführende Hersteller von biologisch abbaubaren Weichgummikleinteilen, haben 150 Jahre auf dem Buckel.“

„Weichgummi, aber nicht essbar“, ergänzte ich.

„Richtig, hohoho“, sagte der GCOSCO. „150 Jahre lang ein einziger Weg an die Spitze – Expansionen, Übernahmen, sogar China und Indien und Papua-Neuguinea, überall Erfolge, 150 Jahre. Wer kann das heute noch?“

„Das ist ja ein ganz wunderbarer Anlass“, sagte Qwertz andächtig. „Wann ist denn die Feier? Sie haben das Event doch schon geplant.“

Qwertz lächelte. Doch das Lächeln gefror ihm auf den Lippen.

Eisige Stille trat ein.

„Viel Zeit bleibt ja nicht mehr“, stammelte Qwertz. „Der Kalender ist ja schon so dünn …“

Schweigen.

Der GCOCSO schob eine Handvoll Kekse nach. Sein Kauen klang, als würde er Knochen zermalmen. Qwertz´ Knochen.

„150 Jahre kann jeder“, sagte der GCOCSO nach einer gefühlten Stunde. „Wir feiern 151 Jahre.“

„Sie … Sie haben die 150 Jahre aber nicht verschlafen, oder?“, fragte Qwertz, und versuchte, mit einem schelmischen Zwinkern die Situation zu retten.

Der GCOCSO nagelte Qwertz mit einem stahlblauen Blick an die Wand. Biss einem Spekulatius-Nikolaus den Kopf ab.

„Schnauze, Qwertz“, raunte ich. „Hören Sie auf Ihren Überlebenstrieb.“ Und schickte laut hinterher: „Okay, 150 Jahre verpassen, das kann ja jedem mal passieren. Wie können wir helfen?“

„Ich würde flüchten“, hörte ich Brad brabbeln. „Jetzt.“

Flucht ist das neue Siegen

„Deswegen sind Sie hier, Müller“, holte der GCOCSO aus „Wir haben den Agenturmarkt gescreent. Wir laden die zwölf weltweit führendsten Content-Marketing-Agenturen Deutschlands zur Teilnahme an unserer Ausschreibung ein. Sie pitchen um die Kommunikation zum 151-jährigen Jubiläum.“

„Aha“, sagte Qwertz.

„Aha“, sagte ich.

„Flucht ist das neue Siegen“, sagte Brad in meiner Tasche.

„Gibt es etwas, an das Sie konkret denken?“, fasste ich nach. „Gibt es einen Claim, Botschaften, Storylines? Eine Strategie?“

Der GCOCSO zeigte sich genervt. „Müller … Sie sind die Agentur. Nicht wir. Überraschen Sie uns!“

Die Kommunikation rund um das 151-jährige Jubiläum könne doch vieles sein, so der GCOCSO. Ein Buch. Mehrere Bücher. Ein Film. Eine Soap-Serie, die einen Bogen vom Mittelalter in die Zukunft spanne. Ein Event. Ein großes. Und crossmedial auf alle Fälle, ohne Medienbruch. Der GCOCSO holte kurz aus: „Wir laden alle Stakeholder ein. Und alle Mitarbeiter. Mit einem Top-Gastredner …“

„Zum Beispiel Uschi Glas?“, unterbrach Qwertz.

„Hohoho, Sie haben ja doch Humor“, lachte der GCOCSO. „Uschi Glas! Die hat die Gründung noch miterlebt.“

Oder Gerhard Schröder. Franz Beckenbauer. Mario Adorf. Der GCOCSO haute einen nach dem anderen raus. Schloss ab mit: „Barack Obama. Der wird bald viel Zeit haben.“

Ich stoppte die Namensalve. „Ich sage mal, wir haben´s verstanden. Geben Sie uns bitte das Briefing.“

„Briefing?“, fragte der GCOCSO.

„Briefing?“, sangen die Cherubim.

„Mensch, Müller! Das IST das Briefing“, sagte der GCOCSO. „Überraschen Sie uns!“

Die vier Cherubim bedachten uns mit einem vorwurfsvollen Blick.

„Wie hoch ist denn Ihr Budget?“, startete ich noch einen Versuch. „Was haben Sie als Pitchhonorar vorgesehen?“

„Hohoho, Müller, Geld … Budget … Pitchhonorar … Sehr gut, sehr gut.“ Er beugte sich vor. „Müller, wie soll ich beziffern, was ich noch gar nicht gesehen habe? Ich sag´s gerne nochmal: Überraschen Sie uns!“

„Überraschung“, sagte Brad in meiner Aktentasche.

Große Pitches brauchen Zeit

Ich unterdrückte den Ich-stehe-jetzt-auf-und-gehe-weg-Reflex, was mir nur aufgrund meiner jahrelangen Erfahrung im Agenturleben gelang. Immerhin saßen wir bei dem weltweit führenden Hersteller von biologisch abbaubaren Weichgummikleinteilen (nicht essbar).

„Okaaay“, hörte ich mich sagen. „Wann ist die Präsentation vorgesehen? Ein Konzept dieser Größe und Komplexität braucht etwas Zeit.“

„Die hammse, Müller, die hammse“, sagte der GCOCSO. „Morgen ist Heilig Abend … also, wir sehen Sie und Ihre Marktbegleiter wieder am 6. Januar.“

„Am 6. Januar ist in Bayern Feiertag“, entgegnete ich.

„Bis dahin dauern die Weihnachtsferien“, ergänzte Qwertz.

„Wahrscheinlich sagt er jetzt gleich, dass er für uns immer erreichbar ist“, sagte Brad in meiner Tasche.

„Wo ist das Problem, Müller?“, fragte der GCOCSO. „Dann kommen Sie mit Ihrer Truppe halt schon am 5. Januar zu uns. Ich bin ab morgen im Skiurlaub, aber für Sie bin ich immer erreichbar.“

Falls wir noch Fragen hätten, schob der GCOCSO hinterher. Wünschte uns noch einen guten Tag, wir wollten doch sicher keine Zeit verlieren, die Zeit sei schließlich das wichtigste Gut.

Die Cherubim brachten uns raus, schoben uns ins wartende Taxi ab, während sich der GCOCSO mental auf das Briefing der nächsten Agentur vorbereitete.

Und Danke für die Früchte

Es war der 23. Dezember, und wir waren müde. Aber entschlossen.

Wilde weiße Flocken flogen am Fenster vorbei. Der ICE raste durch den Schnee. Nur wenige Stunden trennten uns vom zugigen Münchner Hauptbahnhof.

„Er will doch überrascht werden“, sagte Qwertz.

„Er bettelt doch förmlich darum“, ergänzte Brad. „Einer aus zwölf. Kein Briefing. Kein Budget. Das ist eine Beleidigung meiner Schaltkreise. Und zwar derer, die ich nur zum Erhalt meiner Uhr brauche.“

„Okay“, sagte ich und tippte eine Nummer ins Handy. „Tun wir´s.“

Ich erwischte den GCOCSO auf dem Sprung in den Urlaub. Ich bedankte mich artig für die Einladung und die Früchte und den ausführlichen Dialog und fuhr gleich fort, dass ich jetzt eine echte Überraschung für ihn hätte.

„Sie müssen sich jemand anderen suchen“, sagte ich. „Wir wollen nicht mitpitchen. Wir sind raus.“

Ich genoss den sich dehnenden Moment des staunenden Schweigens am anderen Ende der Leitung; Sekunde um Sekunde wuchs die Fassungslosigkeit des GCOCSO – und meine Genugtuung. Schnell kanalisierte sich seine Enttäuschung in eine Fragenflut, wie wir es wagen könnten, ihn und den weltweit biologisch abbaubaren Hersteller von führenden Weichgummikleinteilen (nicht essbar) vor den Kopf zu stoßen, andere würden sich die Finger danach lecken und überhaupt…

„Sage ich doch: Überraschung!!!“, schob ich in eine Atempause ein und legte auf.

„Hohoho!“, sagte Qwertz.

„Hohoho!“, sagte Brad.

„Na dann“, sagte ich. „Frohe Weihnachten.“


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Buddy Müller.
Der toughe Senior Project Supervisor überlebt seit Jahren in der Content-Marketing-Branche. Er hat eine eigene Sicht auf Kunden und Kollegen entwickelt.

Kennen Sie auch wahre Weihnachtsgeschichten wie diese? Erzählen Sie sie weiter. Zum Beispiel an Buddy Müller, buddy.mueller@profilwerkstatt.de

In diesem Sinne: Ein frohes Fest und alles Gute im Neuen Jahr!

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Alle bisherigen Folgen von „Buddy Müller“ finden Sie auf www.profilwerkstatt.de.

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