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Digitaler Trugschluss

Der technische Fortschritt soll jetzt auch die interne Kommunikation revolutionieren

– doch die beschworene Demokratie lässt auf sich warten.

Es herrscht Hochbetrieb in der internen Kommunikation. Die größte Baustelle: das Social Intranet. Adidas gilt als Vorreiter, mittlerweile beschäftigen sich vier von fünf Unternehmen intensiv mit dem Thema Enterprise 2.0 (Quelle: Hochschule RheinMain). Plattformen wie Coyo oder SharePoint sollen die Kommunikationskultur verändern. Dabei geht es nicht nur um Wissenstransfer und Kollaboration auf der Arbeitsebene, sondern um einen grundlegenden Wandel: mehr Dialog und Feedback, mehr Offenheit und Glaubwürdigkeit.

„Wir demokratisieren das Intranet!“, verkündete ein Vertreter der Schweizer KUONI GROUP selbstbewusst auf dem letzten BCP Kongress im Jahr 2015. „Nicht der Chef bestimmt Inhalt und Zusammenarbeit im Intranet, sondern die Mitarbeitenden.“ Mit dieser kühnen These stehen die Eidgenossen nicht allein. Fast jeder Großkonzern veranstaltet inzwischen Barcamps oder betreibt einen mitarbeiternahen CEO-Blog.

Mit dem Einzug der sozialen Medien scheinen sich die Machtverhältnisse in der internen Kommunikation von top nach down zu verlagern. Laut Prof. Simone Huck-Sandhu von der Uni Pforzheim verlieren „unternehmensinterne Quellen zunehmend ihr Informations- und Deutungsmonopol.“ Umso mehr käme es auf authentische und glaubwürdige Kommunikation an.

Doch genau da liegt die Achillesferse: Die interne Kommunikation verstummt regelmäßig dann, wenn es brenzlig wird:

  • Nur jedes zehnte Unternehmen greift Probleme und Schwächen auf.
  • Knapp 90 Prozent der Kommunikationsverantwortlichen sehen ihre wichtigste Aufgabe darin, Botschaften der Unternehmensleitung zu den Mitarbeitern zu transportieren (Quelle: Uni Hohenheim, Trendstudie zur internen Kommunikation der 500 umsatzstärksten Unternehmen Deutschlands 2015).

In der Praxis findet ein offener Dialog höchstens symbolisch auf Nebenkriegsschauplätzen statt: Dürfen Mitarbeiter im Sommer Flipflops tragen? Du oder Sie? Currywurst oder Veggie-Day? Die sozialen Medien eröffnen hier ein hohes Beteiligungspotenzial – Abstimmungen, Kommentare, Posts. In der Praxis werden solche halbherzigen „Dialogangebote“ allerdings kaum genutzt (Quelle: SCM Trendstudie interne Kommunikation 2015). Die Mitarbeiter lassen sich eben nicht so leicht blenden.

Als Benchmark für offenen und kritischen Unternehmensdialog gilt die „you and me“ der Deutschen Telekom. Seit 2012 ist das Printmagazin eng in das Telekom Social Network integriert. Dort beteiligt sich eine Community von über 1.000 Mitarbeitern lebhaft an der Themenfindung und Redaktionsarbeit. Bei der Ausgabe „56 Fragen an Tim Höttges“ stammten alle Fragen von Mitarbeitern und auch beim Interview selbst waren Mitarbeiter als Co-Redakteure dabei. Das Beispiel „you and me“ zeigt: Mitarbeiter sind bereit zu einem offenen Dialog – wenn die Haltung im Unternehmen stimmt.

Fazit: Die Digitalisierung hilft. Sie macht den Dialog leichter. Einen Automatismus für Demokratie gibt es nicht. Das wäre ein bequemer Trugschluss.

PS: Auch bei KUONI ist die Demokratie noch ausbaufähig: Ein Kollege aus Indien hatte sein Profilbild zu Halloween durch ein blutrünstiges Selbstporträt ersetzt. Das fand man in der Zentrale nicht so lustig. Das Bild war schnell wieder weg.


Thomas_van_Laak

Thomas van Laak,
Geschäftsleiter van laak Medien

 

 

 

 

 

 

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